Köln: Südstadion

Zu Gast im Südstadion, Köln-Zollstock:

3. Liga – SC Fortuna Köln : Würzburger Kickers 0:3, Zuschauer: 1754

DAS STADION

Eng, riesig, stimmungsvoll: All das ist das Südstadion im Kölner Stadtteil Zollstock NICHT. Und damit ist es ein Gegenentwurf, zu all den hochsymmetrischen, bis in den letzten Winkel durchgeplanten, aber oft auch sterilen Arenen der Fußballneuzeit. Und: Obwohl mein erster Satz nicht gerade schmeichelhaft klingt, macht er doch klar: Ein Besuch im Südstadion ist ein selten gewordenes Fußballerlebnis. Ein Erlebnis, das das Herz eines Fußballromantikers warmlaufen lässt.

Helge Ulonska, Witwe des verstorbenen Fortuna-Präsidenten Klaus Ulonska, fasst es trefflich zusammen: „Das Südstadion ist eine alte Dame, die nach all den Spachtelarbeiten endlich mal ein Komplett-Lifting braucht!“ Recht hat sie wohl. Denn der Eigentümer, die Stadt Köln, hat mit punktuellen Sanierungsarbeiten (Toiletten, Flutlicht, Rasenheizung) zwar kurzfristig den Spielbetrieb sichergestellt. Eine langfristige Rundumsanierung bleibt bislang aus.

Die Gegengerade ist das Herzstück der „lauten“ Fans. Sie reicht über eine komplette Längsseite des Spielfeldes. In der Mitte ist sie durch den Spielertunnel unterbrochen. Gibt’s auch nicht oft: Die Spieler kommen unter der Gegengerade hindurch aufs Spielfeld und nicht unter den Rängen der Haupttribüne.

A propros Haupttribüne: Die kommt auch eher klein daher und passt sich damit ins Gesamtensemble ein. Überdacht und versitzplatzt. Hier sitzen die „Edelfans“ und oft auch die „Bildungseliten“. Denn der Fortuna sagt man manchmal nach, dass sich hier gerne mal ausgewiesene „Bildungsbürger“ die Ehre geben.

In den beiden Kurven im Hintertorbereich sollte man kostenlos Ferngläser verteilen. So wie Operngläser in der Oper. Denn durch Tartanbahn und Leichtathletikanlagen sind die Ränge sehr weit vom Spielfeld entfernt. Vorteil: Schiedsrichter müssen keine Angst haben osnabrückisiert zu werden. Wer aus der Kurve Gegenstände aufs Feld katapultieren will, muss die Wurffähigkeit eines Olympia-Speerwerfers haben. Gesamturteil: Klein, weitläufig und in die Jahre gekommen. Aber irgendwie riecht es auch hier nach Fußball pur. 

DIE STIMMUNG

Die Lautstärke der Fans im Südstadion hat das Dezibelmessgerät nicht wirklich zum Überschlagen gebracht. Der Stimmungskern auf der Gegengerade beschränkte sich auf geschätzte hundert Personen. Highlight war der Wechselgesang „Fortuna Köln“. Hierbei haben allerdings die freudetrunkenen Würzburg-Anhänger das Echo geliefert. Das war natürlich ne hochsympathische Aktion. Einige, wenige Schwenkfahnen haben die Optik geliefert. Schieben wir es mal auf die missliche, sportliche Lage der Fortunen.

ABER: Vielleicht ist auch das „Kleine“ an Fortuna Köln gerade der Vorteil. Während der große Nachbar aus Müngersdorf mit seinen mehreren Zehntausenden unnahbar wirkt, geht es im und ums Südstadion sehr familiär zu. Man hat das Gefühl: Jeder kennt Jeden. Das schließt Spieler und Verantwortliche mit ein. Bestes Indiz: Im Vereinsheim im Schatten des Südstadions kommen nach jeder Partie Spieler, Trainer und Fans zusammen, um gemeinsam über das Vorangegangene zu diskutieren, sich zu freuen, oder aber (wie bei meinem Besuch) zu  schimpfen und seine Sorgen zu formulieren. Basisdemokratie par excellance. Das macht natürlich Eindruck bei Spielern, wie zum Beispiel Sturmtank Marco Königs:

Stimmungsurteil: Nicht besonders laut. Aber man muss sich einfach wohlfühlen in der familiären Atmosphäre. Ich habe in und ums Südstadion sehr sympathische, lustige und offene Menschen kennengelernt, die ihren Verein schon arg ins Herz geschlossen haben. Ich werde wieder hingehen. 

DAS SPIEL

Schnell erzählt. Die Fortuna ob der aktuellen sportlichen Misere stark verunsichert. „Warum das so ist? Wir wissen aktuell selbst nicht die richtigen Antworten zu geben!“, sagte mir ein ratloser Fortunen-Sturmtank Marco Königs. Würzburg netzte zu den berühmt –berüchtigten „psychologisch günstigen Zeitpunkten“ kurz vor und nach der Halbzeitpause. Am Ende steht ein nie gefährdetes 0:3 für die Kickers aus Würzburg. Die feierten ihren schnell sichergestellten Sieg mit Polonaisen durch den dünn besiedelten Gästeblock. Urteil: Aus Gästesicht: Da waren schöne Momente dabei. Aus Fortunensicht: Näää, näää, näää! Watt sull dann su jet!

FAN ODER KUNDE? DER BRATWURSTFAKTOR

Mein lieber Herr Gesangverein: Der Preis fürs Stehplatzticket Gegengerade lag bei 14 Euro, IN WORTEN: VIERZEHN. Finde ich für ein schwaches Drittligaspiel ne Menge Holz und deutlich überzogen. Das sind Preise, für die man locker auch in der Bundesliga nen Steher bekommt.

Bier- und Würstchenpreise bewegen sich im Rahmen der Fußballstadien-Normalität (0,5 Gaffel Kölsch: 4€; 0,33l Cola, Fanta, Wasser, Sprite: 2,50€; außerdem gibt’s Punsch und Kaffee ). Die Bratwurst für 2,50€ schmeckte mir persönlich aber sehr gut.

Der selbst organisierte Ordnerdienst war sehr freundlich und kooperativ. Urteil: Wenn der Eintrittspreis nicht wär, könnte man sich schon als Fan verstanden fühlen. 

DIE ANREISE

Mit Smartphone in der Hand kein Problem. Ansonsten sollte man sich vorher informieren, wie man mit den Öffis zum Stadion kommt. Und: Auf die Kölner ist Verlass. Einfach mal die offenen, freundlichen Menschen ansprechen. Die helfen Einem, meiner Erfahrung nach, sehr gerne.

Man braucht etwa 20 Minuten Zeit vom Hauptbahnhof mit der Straßenbahn. Zuerst geht’s zum Barbarossaplatz, dort umsteigen mit der „12“ Richtung „Zollstock Südfriedhof“. AUSSTEIGEN an der Haltestelle: „POHLIGSTRAßE“. Oder mit der S-Bahn zum Hansaring und dort dann in die „12“ bis Pohligstraße einsteigen. Urteil: Es gibt Stadien, die einfacher zu erreichen sind. Deshalb vorher informieren.

NICE TO KNOW – DAS ANGEBERWISSEN

  • – Es ist 1999: Die Kölner liegen im Zweitligaspiel mit 0:2 gegen Waldhof Mannheim zurück. Das veranlasst das Fortuna-Factotum und Sonnenkönig Jean „Schäng“ Löring noch in der Pause den Trainer Toni Schumacher zu beurlauben. Als Rechtfertigung Lörings ist überliefert: „Ich als Verein musste reagieren!“. So ist das Südstadion wohl die einzige Arena, in der bei laufendem Spiel ein Trainer gefeuert wurde.
  • -A propros Löring: Der gelernte Elektriker soll bei einem Flutlichtausfall im Südstadion die Leitungen eigenhändig repariert haben. So weit die Legende: In Wahrheit ist er einfach bloß in die Kabine, hat an ein paar Schaltern gedreht, zwei Kabel gegeneinander gehalten. Das Ganze für einen Fotografen, der ihm nicht mehr von der Seite weichen wollte. (siehe: http://www.11freunde.de/artikel/jean-loering-bei-fortuna-koeln)
  • – Der leider in diesem Jahr verstorbene Fortuna-Kultpräsident Klaus Ulonska machte des Südstadion zum Tempel der Gastfreundlichkeit: Er hat immer möglichst jeden Tribünenbesucher persönlich per Handschlag begrüßt.
  • – Das Südstadion erlebte 1983 ein echtes Torfeuerwerk: Im DFB-Pokal-Halbfinale 1982/83 schlägt der damalige Zweitligist Fortuna Köln den Bundesligisten Borussia Dortmund mit 5:0. Damit gelang den Fortunen der Einzug ins kölsch-kölsche Pokalfinale gegen den „großen“ FC in Müngersdorf. Das endete mit einer 0:1-Niederlage aus Fortunen-Sicht.

DAS AUCH NOCH:

Helge Ulonska, die Frau des verstorbenen Fortuna-Präsidenten, ist ein echter Charakterkopf. Ihr Wort hat im Verein, vor allem bei den Fans, noch immer Gewicht. Ich habe sie kennengelernt, als sie vor der versammelten Fanschar einen flammenden Appell zur Diskussionskultur im Fortuna-Fanforum gehalten hat. Da ist in letzter Zeit wohl Einiges aus dem Ruder gelaufen: “Wenn das mein Klaus sehen würde, er würde sich im Grabe rumdrehen. Ich habe sowieso das Gefühl, dass er im Moment dauernd da unten rotiert!” Hier mein komplettes Interview mit Helge Ulonska:

 

2 Kommentare

Klaus Zehner

Hallo Her Schulte,
nette Seite. Eine Freundin fragte, warum die nicht Stadiontagebuch heißt. Müssen es immer Anglizismen sein???
Dennoch: Viel Erfolg. Eine schöne Idee
Gruß
KLaus Zehner

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Jonas

Hallo Herr Zehner,

Vielen Dank für Ihr Feedback. Tja mit den Anglizismen ist das so eine Sache. Aber der Begriff für das “andauernde Besuchen von Fußballstadien” ist nunmal international einheitlich “Groundhopping” und der des Bloggens ist ja auch technisch-international. So dachte ich bei der Namensfindung, dass sich daraus doch ein nettes Kompositum bilden lässt. So ist es dazu gekommen, das ist die Idee dahinter. Stadiontagebuch wäre möglicherweise auch gegangen. 🙂

Viele Grüße!
Jonas Schulte

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