Halbemond – Speedway Motodrom

PODCAST FUNKHAUS HABEDURST
AUS DEM MOTODROM HALBEMOND

Erst im fachmännischen Zwiegespräch, danach im “Funkhaus Habedurst”. Mario Goldmann vom PSV Braunschweig (links) und Stadionsprecher “Captain” Michael Seiss.

Es gibt Momente im Leben eines Groundhoppers, die lassen einem das Blut in den Adern wahlweise gefrieren oder zum kochen bringen. An einem hochsommerlichen Julitag klingelte Gotthilfs Handfunke, während er sich in der heimatlich sauerländischen Sonne suhlte. Das schrille Klingeln durchbrach die ländliche Stille. Gotthilf betätigte den grünen Knopf. “Habedurst! Wer da?” “Burgdorf, Nils Burgdorf. Hallo. Ich will gleich zur Sache kommen. Ich bin vom PSV Braunschweig. Wir haben da eine Idee.” Nur wenige Augenaufschläge später war klar. Es ist nicht nur irgendeine Idee. Es ist wohl DIE Idee des Jahres, wenn nicht Jahrzehnts.

Eine Idee, die Nils Burgdorfs Teamkollege Mario Goldmann im “Funkhaus Habedurst” so zusammenfasste: “Wir sind eine Amateurmannschaft aus Braunschweig. Aber wir haben ungewöhnlich viele Groundhopper in unseren Reihen. Beim Bier nach dem Training kommen wir immer wieder ins Gespräch darüber, welche Grounds anstehen. Und der Name Halbemond fiel dabei immer wieder.”

Halbemond, das ist der stadiongewordene, feuchte Traum aller Fußball-Romantiker. Das Speedway Motodrom, das wie der Name schon verrät, eigentlich dafür da ist, Speedwayrennen zu beherbergen, hat aber in der Mitte auch einen Fußballplatz. Nur wurde der schon seit 1999 nicht mehr bespielt. Das Stadion mit seinen 50.000 Plätzen ist also nicht nur riesig, sondern auch eine absolute Rarität unter all den Grounds in Deutschland.

Aus dem liebevoll gestalteten Programmheft des PSV Braunschweig lassen sich folgende historische Informationen zum Motodrom entnehmen: Die Geschichte der riesigen Anlage beginnt 1972, als der Motorsportclub MC Norden in Halbmond bei Norden eine Fläche für ihre Speedwayrennen gefunden hat. Man baute und baute. Zunächst fasste das damals Waldstadion genannte Oval 10.000 Zuschauer. 1974 tauften die Motorsportler des MC Norden ihre Anlage dann “Speedway Stadion Motodrom Halbmond”.

1983 erweiterte der MC das Stadion auf ein Fassungsvermögen von rund 50.000 Plätzen, um das Weltfinale im Speedway austragen zu können. Zu diesem Finale der im Schlamm Motorradfahrenden sollen damals rund 45.000 Besucher gepilgert sein. Andere Quellen berichten laut Programmheft des PSV Braunschweig von 32.000. Wie auch immer. Das Stadion war gut gefüllt.

Das Motodrom in Halbmond zählt jedenfalls zu den größten Speedway-Stadien der Welt. Aber auch Fußball wurde dort eine Zeit lang regelmäßig geboten. 1995 spalteten sich die “Fehntjer Fußball-Freunde Berumerfehn” (FFF) im Streit vom SuS Berumerfehn ab und suchten eine neue Heimat. Im Grün in der Mitte der Speedwaybahn des Motodroms Halbemond wurden sie fündig. Von 1996 bis 1999 trugen die FFF ihre Spiele dort aus. Zu ihren Heimspielen hieß das Motodrom stets Ostfrieslandstadion.

Nicht nur im Liga-Alltag wurde das Stadion fußballerisch genutzt. Auch Testspiel-Leckerbissen konnten die FFF immer wieder anbieten. Neben den Kickers Emden und den Reinickendorfer Füchsen aus Berlin war es vor allem der SC Freiburg mit Trainer Volker Finke, der zur fußballerischen Stippvisite ins Motodrom kam. Das war im Jahr 1996. Drei Jahre später verließ Berumerfehn das Motodrom nach einem Spiel gegen den SV Leybucht mit einem 2:0-Sieg. Das war am 13.06.1999. Danach wurden auch die Fußballtore auf dem Rasenplatz abgeschraubt und entfernt.

Bei so einer Wahnsinns-Geschichte ist natürlich klar: Dieser Mega-Schüssel muss wieder Leben eingehaucht werden. Und genau das taten die Männer vom PSV Braunschweig, indem sie sich das Motodrom für einen vierstelligen Betrag mieteten und ein Freundschaftsspiel samt Trainingslager dort abhielten. Eine Idee, die an Grandiosität eigentlich nicht zu überbieten ist.

Neben einem Bier-Ausschank und einer Grillbude mit Wurst, Steak und Nudelsalat, gab es auch einen Stand von “Passion And Football”, einem superschönen Fußball-Klamottenlable, betrieben von Christoph aus Berlin. Der hatte nicht nur die chicen T-Shirts, Pullover und Stofftaschen aus seinem Standard-Repertoire dabei, sondern eigens ein Shirt für das Spiel im Motodrom Halbemond designed. Daneben durfte Gotthilf am Stand des glorreichen “Zeitspiel”-Magazins mitwirken. Die fach- und sachkundige Moderation des Ereignisses übernahm der “Captain” von “Captains Dinner”, Michael Seiss, dessen sonore Stimme vielen Fußballfans noch aus der Wattenscheider Lohrheide bekannt sein dürfte. Denn für die SG Wattenscheid 09 erhob der Captain jahrelang sein Organ.

Gotthilf muss an dieser Stelle einfach Respekt und Anerkennung zollen, an die Jungs vom PSV Braunschweig. Nicht nur, dass sie auf diese grandiose Idee gekommen sind, das Motodrom in Halbemond für ein Fußballspiel wiederzubeleben. Auch die Organisation war perfekt. Und das, obwohl Corona sie dazu zwang, strenge Auflagen einzuhalten. So durften nur 300 ausgewählte und auf einer Gästeliste vermerkte Zuschauer das Spiel bestaunen. Vorher galt für jeden Auserwählten absolute Schweigepflicht.

Auch die Organisation des Fußballspiels war eine Meisterleistung. “Wir haben mit dem Abstreugefährt des Motorsportclubs die Linien für das Fußballfeld abgestreut. Was sonst rund eine Stunde dauert, hat uns diesmal runde vier Stunden gekostet. Die Fußballtore wurden von einem Traktor hier hinein gebracht”, berichtet PSV-Betreuer Mario Goldmann im “Funkhaus Habedurst” von den Vorbereitungen.

Der Gegner vom Süderneulander SV indes schien gar nicht so recht zu wissen, auf was für einem Ereignis sie zu Gast waren und wähnten einen ernsten sportlichen Hintergrund als Motivation für das Testspiel. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass die Spieler und Verantwortlichen hochprofessionell das Spiel mit 1:3 gewannen und danach schon von dannen zogen, wahrscheinlich die Augen schon wieder auf das nächste Spiel gerichtet.

Für die anwesenden Groundhopper war es aber wohl das Ereignis des Jahres. So eine riesige Oldschool-Schüssel zu kreuzen, die dazu noch so selten bespielt wird, das ist wie ein Sechster im Lotto mit Zusatzzahl. Und so blickte man nach dem Spiel in lauter beseelte und glückliche Gesichter. Man kann den Jungs vom PSV Braunschweig gar nicht oft genug Danke sagen, für diesen unvergesslichen Tag, den sie den fast 300 Anwesenden beschert haben.

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