“Ich liebe Bier und bin ein Fußballfreak – genau wie die Männer”

Wie ist das eigentlich als Frau in der Männerdomäne Groundhopping? Ein Interview mit der polnischen Bloggerin Zuza Walczak.

Zuza Walczak ist eine Ausnahme-Erscheinung. Sie ist 26 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Wrocław (Breslau) in Polen und: Sie ist Groundhopperin. Mit ihrem Blog “WEZ MNIE na mecz” (zu deutsch: Nimm mich mit zum Spiel!) hat sie sich einen Namen in der männerdominierten Szene gemacht. Besonders beeindruckend sind ihre vielen atmosphärischen Bilder aus der Welt des polnischen Fußballs. Im Groundblogging-Interview erzählt Zuza, wie sie als Frau in der Szene wahrgenommen wird und was den polnischen Fußball so attraktiv für Hopper macht.

Zuza Walczak (26) betreibt den Blog "WEZ MNIE na mecz"

Zuza Walczak (26) betreibt den Blog “WEZ MNIE na mecz”

Zuza, die meisten Fußballfan-Karrieren fangen ja mit der Liebe zu einem Verein an. Zu wem hältst du?
Mein Lieblingsverein ist WKS Śląsk Wrocław (Breslau). Als ich das erste Mal dort war, wusste ich: Das ist mein Verein. Inzwischen gehe ich aber kaum noch zu Śląsk-Spielen. Ich mag das neue Stadion nicht. Das ist mir zu modern und es gibt nicht mehr diese Atmosphäre, in die ich mich früher mal verliebt habe. Und ich denke auch, dass das Groundhoppen auch ein Grund ist, warum ich nicht mehr so oft dahin gehe. Ich gehe dann oft lieber zu anderen Clubs, auch zu denen, die ich eigentlich nicht so toll finde.

Dann muss das Hoppen ja für dich sehr wichtig geworden sein. Wie bist du dann zu diesem Hobby gekommen?
Als ich beruflich und an der Uni immer mehr mit Fußball zu tun hatte, habe ich gemerkt: Ooops. Ich gehe gar nicht mehr selbst ins Stadion. Aber das ist ja eigentlich das, was meine Fußball-Leidenschaft ausmacht: Bei den Spielen live dabei zu sein. Deshalb musste ich mein Leben neu organisieren. Und zwar so, dass ich wieder mehr Freizeit habe und mir Live-Spiele anschauen kann. Und wie du siehst: Das ist mir gelungen.

Du hast also dein Leben nach dem Groundhopping ausgerichtet. Dann muss ja ne richtig krasse Motivation dahinter stehen…
Es ist vor Allem die Flucht aus dem Alltag. Ich kann beim Fußball wirkliche Emotionen leben. Ich bin der Überzeugung: Fußball ist mehr als nur eine Sportart. Es ist ein soziales Phänomen. Ich möchte anderen auch gerne zeigen, dass sie außergewöhnliche Dinge auch auf kleinen Fußballplätzen in der Provinz erleben können.

Kleine Plätze, große Schüsseln – wenn das für dich keine Rolle spielt: Was macht dann für dich die Attraktivität eines Fußballplatzes aus?
Natürlich die Architektur. Ich liebe alte Stadien, vor allem die, die was Einzigartiges und Unverwechselbares haben. Ich bin auch gerne „backstage“ – schaue mir Umkleidekabinen an, die Vereinsgebäude. Vor allem die in kleinen Städten sind oft ganz bezaubernd. Da steckt zwar nicht viel Geld drin, aber die haben ihren ganz besonderen Charme. Neben der Architektur sind für mich aber auch die Tradition und die Geschichte der Orte wichtig. Oberste Priorität haben für mich aber die Menschen im Stadion. Die Zuschauer bringen die Farbe in die grauen Stadien.

Die Groundhopping-Welt besteht ja überwiegend aus fußballsüchtigen Männern. Wie fühlt sich das an als Frau in der Groundhopper-Szene? Ist das für dich außergewöhnlich?
Es ist richtig cool eine GroundhopperIN zu sein. Vor allem ist es gut, eine Frau mit außergewöhnlichem Hobby zu sein. Die Menschen finden dich interessant und wollen sich mit dir treffen und sich unterhalten. Trotzdem: Das wichtigste ist, dass du authentisch bist. Die Menschen merken schon, ob du wirklich mit Leidenschaft dabei bist. Oder ob du durch das außergewöhnliche Hobby nur im Mittelpunkt stehen willst. Wie auch immer: Als GroundhopperIN gewinnst du viel, weil die Menschen bei Spielen einem freundlich gesinnt sind. Und dank dieser Tatsache ist es für mich einfacher in geschlossene Stadien zu kommen, Tickets für ein Spiel zu bekommen, oder auch mal gratis ins Stadion zu kommen.

Und wenn du vor Ort dann männliche Groundhopper triffst: Wie reagieren die auf dich?
Ganz normal eigentlich. Am Anfang sind die meistens vorsichtig und ganz behutsam. Wenn dann aber die ersten Sätze gewechselt sind und wir ein paar Bier miteinander getrunken haben, dann merken Sie: Die ist ja eine von uns. Ich liebe Bier und bin ein Fußballfreak – da gibt’s keine Unterschiede zwischen mir und den anderen.

Okay, also Männer verstehen deine Fußball-Leidenschaft. Wie sieht’s denn mit Menschen in deinem Umfeld aus, die jetzt nicht so viel mit Fußball zu tun haben. Was sagen die, wenn du ihnen vom Hoppen erzählst?
Ganz unterschiedlich. Die einen sind sehr erstaunt und sagen: Ist doch toll eine Leidenschaft zu haben und die dann auch mit Leben zu füllen. Nicht jeder hat ja den Mut dazu. Es gibt aber leider auch Andere, die sagen: „Völlig unverständlich. Das ist Geld- und Zeitverschwendung.” Für mich sind Reisen und Erinnerungen aber mehr wert als so materielle Dinge.

Kommen wir mal zu deinem Hopping-Alltag: Reist du alleine zu den Spielen?
Meistens schon. Das hat aber auch Gründe: Wenn man alleine unterwegs ist, ist es einfacher mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Und das ist für mich sehr wichtig. Außerdem ist das immer eine gute Zeit, darüber nachzudenken, was meine nächsten Pläne sind.

Gehört zu deinen Plänen auch Sightseeing, wenn du zum Beispiel neue Städte besuchst?
Fast nie. Ich hab ja nen Full-Time-Job von montags bis freitags. Deshalb beschränken sich meine Fußballreisen aufs Wochenende. Die meiste Zeit geht für die Reise drauf.  Da bleibt dann nur noch wenig Zeit. Vor Allem, wenn ich noch am selben Tag wieder zurück muss. Ich plane das zwar öfter, mir auch mal die Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Aber meistens entscheide ich mich dann, mit den Fans vor Ort in den Pub zu gehen und mich mit ihnen zu unterhalten. Das liebe ich so an meinen Touren: Neue Menschen zu treffen, ihre Geschichten zu hören und meine Erlebnisse mit ihnen zu teilen. Das ist immer das Wichtigste für mich.

Erlebnisse teilen, das machst du ja auch über deinen Blog „Wez Mnie Na Mecz“. Da gibt es viele beeindruckende und atmosphärische Bilder. Wie wichtig ist das Fotografieren bei deinen Reisen?
Früher habe ich einfach nur die Spiele angeschaut. Jetzt interessiere ich mich mehr für das Drumherum, also die Architektur und die Fans. Da sieht man natürlich jede Menge toller Architektur, emotionale Fans, kreatives Tifo-Material (Blockfahnen, Zaunfahnen, Doppelhalter, Choreos, d.Red.) und Momente voller Charme. Und diese Dinge will ich gerne mit Anderen teilen. Deshalb ist das Fotografieren so wichtig für mich. Mit den Bildern kann man einfach die großartige Atmosphäre transportieren. Auch noch in den untersten Ligen. Ohne die Bilder wäre es halt viel schwieriger zu beschreiben. Ich erlebe auch Dinge, die mir die Menschen ohne die Bilder niemals glauben würden.

Deine Bilder und Eindrücke kommen ja überwiegend aus dem polnischen Fußball. Wie sieht denn der Groundhopping-Alltag in Polen aus?
Es ist immer noch ein Hobby für absolute Enthusiasten. Es ist nicht wirklich populär in Polen. Die meisten Menschen außerhalb der Community kennen dieses Phänomen überhaupt nicht. Groundhopping-Trips in Polen sind meistens Kurztrips von ein paar Stunden. Maximal ein Wochenende. Die meisten bleiben in ihrer Region. Wir fahren aber auch immer mal wieder ins Ausland für längere Reisen. Aber nur selten. Weil es teuer ist und die meisten ja auch noch arbeiten müssen. Die Wenigsten haben zeitlich flexible Jobs. Das schränkt die Reisen natürlich ein. Alles in Allem habe ich das Gefühl, dass es immer mehr Groundhopper hier in Polen gibt. Immer mehr sind begeistert von dieser Lebensidee.

Hört sich so an, als steckt ein hohes Begeisterungspotenzial im polnischen Fußball. Was macht den Fußball in deiner Heimat denn so besonders für dich?
Der Fußball hier in Polen war mir immer schon besonders nah, weil ich seine Eigenheiten gut verstehe. Ich kenne als Polin natürlich die Traditionen, die Hintergründe, die Mentalität. Außerdem stehe ich den polnischen Fangruppen sehr nahe.

In Deutschland haben wir immer öfter das Problem, dass Groundhopper auf Ablehnung bei den örtlichen Fanszenen stoßen, weil sie mit unserer Art des Fußball-Lebens nichts anfangen können. Wie reagieren denn polnische Fanszenen auf Groundhopper?
Da habe ich noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich selber habe viele Freunde, die in Ultragruppen aktiv sind. Und die laden mich sogar zu Spielen ein, oder fragen mich, ob ich ihnen Bilder vom Spiel ihrer Mannschaft schicken kann. Ich denke, sie freuen sich einfach, dass jemand Fremdes sich für ihren Verein interessiert, dafür lange Reisen auf sich nimmt und dann auch noch etwas im Internet drüber schreibt. Generell finde ich aber, dass polnische Fans eher gleichgültig als feindselig mit dem Thema Groundhopping umgehen. Ich persönlich habe auf jeden Fall noch nie irgendwelche bösen Zwischenfälle erlebt.

Zum Schluss: Hast du nach all den Reisen einen Lieblingsground? Einen Fußballplatz, zu dem du immer wieder fahren würdest, auch wenn dich jemand mitten in der Nacht dafür weckt?
Ich habe schon viele Fußballplätze gesehen. Die meisten haben was Originelles. Das macht’s mir schwer mich für einen Ground zu entscheiden. In Deutschland fand ich das kleine Stadion von der SpVgg Dresden-Löbtau ganz schön. Vor Allem wegen den fantastischen Fans und der familiären Atmosphäre dort. Generell hoffe ich aber einfach, dass das schönste Fußballstadion noch vor mir liegt.

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