TeBe-Fans auf Liebestour: “Bis wir wieder Scherben aufkehren müssen”

Sie hatten einfach genug: Die Fans des Berliner Traditionsvereins Tennis Borussia wollen und können nicht länger in der Kurve stehen und für ihr TeBe singen. Zu tief sind die Gräben zum aktuellen Vereinsvorstand, der die Fans jüngst wissen ließ, dass man sie im Verein nicht brauche. Eine abenteuerliche Aussage, wenn man bedenkt, dass der Verein eigentlich nur deshalb noch lebt, weil die Fans ihn mit der eigenen Hände Arbeit erst vor dem finanziellen Untergang bewahrt haben. Durch diverse Konflikte ist es zum Missverhältnis zwischen Fans und Vorstand gekommen. Die TeBe-Anhänger befürchten, dass Vorstand und Geldgeber Jens Redlich den Verein vollends in seine Entscheidungsgewalt bringen will.

Bilder wie dieses wird es im Mommsenstadion vorerst nicht mehr geben. Die Fans haben sich von ihrem Verein vorläufig abgewandt. Foto: Jan Buschbom

Der Streit gipfelte dann in der vergangenen Mitgliederversammlung, als Präsident Jens Redlich wachsendem Gegenwind im Verein mit einer ziemlich dreisten Aktion begegnete: Er ließ einen Bus mit Bauarbeitern ankarren, die offenbar Anweisung hatten, bei den Wahlen zum Aufsichtsrat im Sinne des amtierenden Vorstands zu votieren. Zuvor gesehen hatte man die dubiosen Neumitglieder im Vereinsumfeld jedoch noch nie. Man müsse halt auf Akquise gehen, wenn man den Verein vergrößern wolle, konterte Redlich Vorwürfe, er habe sich seine Mehrheiten billig erkauft. Ungeheuerliche Vorgänge also bei TeBe, die die sonst so aktive und engagierte Fanszene dazu bewogen haben, ihrem Herzensrein vorläufig den Rücken zu kehren und dafür anderen, kleineren Amateurvereinen ihre Stimme und ihre Stimmung zu leihen. 

In den Katakomben vom FSV Hansa 07 Berlin: Dennis Wingerter erklärt Gotthilf die verzwickte Lage der TeBe-Fans

Auf der sog. „Caravan Of Love“-Tour machten die TeBe-Fans am Sonntag, den 17.03.2019 beim Bezirksligaspiel des FSV Hansa 07 Berlin gegen Hürtürkel Halt. Am Rande des Spiels traf sich Gotthilf mit TeBe-Fan Dennis Wingerter, einem der Mitinitiatoren der Tour. (Hier geht’s zum Tourplan.)

Dennis, die „Caravan Of Love“ ist längst ins Rollen gekommen. Wie seid ihr auf diese ungewöhnliche Idee gekommen?
Die Aktion ergab sich zwangsläufig nach der letzten Mitgliederversammlung. Wir hatten in der Zeitschrift „Fußballwoche“ eine Anzeige geschaltet, zu der die vorher schon existierte. Damals noch aufgrund des älteren Streits mit der Vereinsführung um die Regenbogenfahne. Damals haben wir die Idee der „Caravan Of Love“ aber verworfen, weil der Streit beigelegt wurde. Aber nach der dubiosen Mitgliederversammlung war klar, dass wir uns für die Rückrunde eine andere Beschäftigung suchen. Für viele von uns kam es einfach gar nicht mehr in Frage unter diesen Bedingungen noch zu TeBe zu gehen.

Wie fühlt sich das denn an, wenn man den Oberliga-Alltag gegen Kreisliga bzw. heute Bezirksliga eintauscht?
Regnen – so wie heute – tut es auch in der Oberliga und Überdachungen gibt es da auch nicht immer. Aber letztlich ist es schon ein komisches Gefühl zu anderen Vereinen zu gehen. Damit muss man sich erstmal anfreunden. Ich persönlich tue mich auch immer noch schwer damit. Das ist schon noch etwas anderes als zum eigenen Verein zu gehen.

TeBe-Fans machten auf ihrer “Caravan Of Love” Halt beim Berliner Bezirksligisten FSV Hansa 07 Berlin. Foto: Paul Hanewacker

Wie fühlt sich das an, wenn ihr mit 200 Leuten auf einem Kreisliga-Sportplatz auftaucht und da Aufmerksamkeit erregt?
In der Regel ist das schon entspannt. Dass hier heute Polizei dabei ist, ist auch eine Ausnahme. Das ist nur, weil es mit TeBe und Hürtürkel eine kleine Vorgeschichte gibt. Dem Verein wurden oder werden Verbindungen zu den „Grauen Wölfen“ nachgesagt, was u.a. TeBe-Fans vor ein paar Jahren mal thematisierten. Das war dann vielleicht so ein bisschen die Befürchtung – von wem auch immer – dass da heute Konfliktpotenzial bestünde. Aber das ist absolut nicht die Regel.

Foto: Jana Weber

Widerspricht das, was ihr tut, nicht eigentlich ziemlich viel von dem, was das Fan-Dasein im Allgemeinen so ausmacht? Zum Beispiel, dass man nur für einen Verein da sein kann. Ihr singt jetzt ja Woche für Woche für wen anders…
Wir haben uns die Vereine, zu denen wir gehen, ja ausgesucht. Das war uns dabei sehr wichtig. Es hatten sich ja tatsächlich einige Vereine auf unsere Anzeige hin beworben. Da haben wir uns auch die Angebote rausgepickt, die zu uns als Fangruppe passen.


Welche Anforderungen muss denn ein Verein mitbringen, damit ihr die Einladung annehmt?

Es muss halt ein sympathischer Verein sein, mit einem netten Umfeld. Es haben sich auch zwei Vereine beworben, zu denen wir vorher keinerlei Kontakt hatten. Zum Beispiel der BSV 92, ein alter Berliner Traditionsverein, aber ohne jegliche Fanszene. Wir haben auch Frauenteams im Tourplan dabei. Die spielen zufällig auch in lilaweiß und haben einfach ne sehr nette Bewerbung geschickt. Aber andererseits haben wir auch Bewerbungen abgelehnt. Unter anderem von Berlin United. Das ist ein neues Projekt. Die haben „Club Italia“ übernommen. Die sprechen schon von Bundesliga und wollen auch ein Leistungszentrum bauen. Also genau der Größenwahn, mit dem wir bei TeBe auch in den vergangenen Jahren gestraft waren. Das haben wir dann ausgeschlagen.

Das heißt, die Amateurvereine reißen sich um euch?
Also reißen wäre zuviel gesagt. Es waren bisher 18 Bewerbungen. Von denen haben wir etwa die Hälfte angenommen. Dazu kommen noch ein paar Spiele, die wir uns selbst ausgesucht haben, so wie das bei unseren Namensvettern von Tennis Borussia Rambach in Hessen. Da haben wir bisher ungefähr 25 Anmeldungen von Leuten, die mitkommen. Dazustoßen werden sich noch ein paar Bekannte und TeBe-Fans, die in der Region da wohnen. Das wird dann so ein bisschen auch das Highlight, dieser „Caravan of Love“-Tour.

Mit was für Erwartungen geht ihr in die „Caravan Of Love“ an?
Es gibt da schon so ne Hauptintention hinter der Tour. Nachdem klar war, dass viele Leute unter den aktuellen Umständen nicht mehr zu TeBe gehen können und wollen, war es wichtig, eine Möglichkeit zu schaffen, sich trotzdem regelmäßig zu sehen und zu treffen. Damit das Ganze nicht auseinander bricht, weil wir doch eine relativ überschaubare Fanszene sind, die auch nicht so straff organisiert ist, wie irgendwelche Ultragruppen. So besteht die Gefahr, dass sich vieles verläuft. Falls Jens Redlich und der aktuelle Vorstand bei TeBe noch ein, zwei Jahre länger den Hut aufhaben, wird das schwierig die Gruppe beisammen zu halten. Und es wäre schade, wenn das auseinander bricht. Darum ist es aktuell der wichtigste Punkt, einen Anlaufpunkt zu schaffen, dass wir uns weiterhin treffen und austauschen. Wir wollen uns auch weiterhin Gedanken machen, wie das mit TeBe weitergehen soll und wie man dem ganzen Treiben dort selbst ein Ende bereiten kann.

Trotz des ernsten Hintergrunds: Sind die Touren an sich für euch nicht auch tolle, spaßige Unternehmungen?
In erster Linie ist es ein Zeitvertreib und dient dazu, dass wir alle irgendwie zusammenbleiben und uns weiter austauschen, was mit TeBe passiert. Das hat oberste Priorität. Wenn man dabei noch möglichst viel Spaß haben kann, ist das natürlich super. Aber viel mehr verspreche ich mir davon nicht. Es ist jetzt nicht zu erwarten, dass wir plötzlich auf einen Verein treffen, in den wir uns alle so sehr verlieben, dass wir mit TeBe nichts mehr zu tun haben wollen. Das wird nicht der Fall sein. Wir bleiben natürlich alle in der Hauptsache TeBe-Fans.

Wie groß wird die Herausforderung, eure Fangruppe in dieser Intensität beizubehalten, jetzt da ihr nicht mehr TeBe als einen Anlaufpunkt habt, sondern immer wieder verschiedene. Wird die Gemeinschaft dadurch zusammenschweißt, oder ist es schwieriger geworden?
Ich könnte mir vorstellen, dass es schwieriger wird, wenn sich das alles über die Saison hinausstrecken muss. Weil dann auch individuelle Vorlieben eine Rolle spielen, Leute vielleicht lieber hoppen gehen. Einige haben auch einen Lieblings-Zweitverein, den sie dann vielleicht eher unterstützen werden, als dann einen „Caravan Of Love“-Termin wahrzunehmen. Also ich denke, über einen allzu langen Zeitraum taugt diese Idee nicht, um die Szene zusammenzuhalten. Da muss man sich dann bei Zeiten etwas anderes überlegen.

Gibt es einen Weg zurück zu TeBe? Und wenn ja, wie sieht der aus?
Ich glaube, für die allermeisten gibt es diesen Weg unter den gegebenen Bedingungen mit dem aktuellen Vorstand nicht. Wege zurück und Szenarien, bei denen der aktuelle Vorstand nicht mehr im Amt ist, gibt es dagegen zahlreich. Ich hoffe darauf, dass wir einen Weg finden, dem aktuellen Treiben selbstbestimmt ein Ende zu bereiten. Vielleicht bei einer nächsten Mitgliederversammlung, bei der wir dann unter Umständen eine Stimmenmehrheit mobilisieren. Das wäre glaube ich der Moral ganz zuträglich.

Derweil im Mommsenstadion. Foto: Dennis Roters

Aber das stelle ich mir schwierig vor. Sicher wird der aktuelle Vorstand auch bei einer weiteren Versammlung seine extern dazu geholten Stimmen wieder mobilisieren können. Die Hoffnung dürfte relativ gering sein, auf diesem Wege die Mehrheitsverhältnisse zu ändern, oder?
Das ist das große Problem. Aber aktuell sitzen tatsächlich noch zwei Leute im Aufsichtsrat, die auf unserer Seite stehen. Da ist die Frage, ob es denen vielleicht gelingt, bei einer kommenden Mitgliederversammlung darauf Einfluss zu nehmen, wer da kurzfristig stimmberechtigt ist ohne vielleicht jemals Beitrag bezahlt zu haben. Zum anderen ist natürlich auch sehr viel von der sportlichen Entwicklung bei TeBe abhängig. Ich könnte mir vorstellen, dass Jens Redlich von selbst die Lust verliert, wenn TeBe der Aufstieg dieses Jahr wieder nicht gelingt. Das ist nicht ausgeschlossen. Er hatte das zumindest anfangs als sein Ziel formuliert, innerhalb von drei Jahren aufsteigen zu wollen. Das ist jetzt der dritte Versuch. Er hat laut Eigenaussage in den vergangenen zweieinhalb Jahren rund 2,5 Millionen investiert. Das schätze ich auch als glaubhaft ein. Und das ist ja für Oberligaverhältnisse ein Riesenbatzen Geld ist. Wenn es damit schon wieder nicht gelingen sollte aufzusteigen – mit der einzigen Mannschaft in der Liga, die unter Profibedingungen arbeitet – dann hat er vielleicht auch selbst ein Einsehen zum Ende der Saison.

TeBe-Fans bevölkern den Metro-Fußballhimmel, Heimspielstätte von Blau-Weiß Friedrichshain. Foto: Sören Kohlhuber

Sitzt man da nicht in der Zwickmühle, wenn man zuhause sitzt und denkt: Hoffentlich steigt der eigene Verein nicht auf?
Ich hoffe tatsächlich darauf, dass TeBe nicht aufsteigt. Schon in der Hinrunde, noch vor dieser ominösen Mitgliederversammlung, war das ein komisches Gefühl im Stadion zu stehen und eigentlich zu wissen, dass man einen sportlichen Erfolg von TeBe gerade nicht gutheißen kann oder sogar dagegen sein müsste. Im Stadion fiel mir das auch schwer. Ich konnte mich ja schlecht über Gegentore freuen, oder über Tore von TeBe ärgern. Das funktioniert einfach nicht. Das ist schon eine innere Zwickmühle. Seit man nicht mehr bei den Spielen ist, fällt das ein bisschen leichter. Ich empfinde dann immer noch kein Freude, aber bin schon etwas erleichtert, wenn TeBe Punkte lässt, weil es einfach die Hoffnung nährt, auf ein vorzeitiges Ende der aktuellen Zustände.

Wenn du eine Utopie entwerfen könntest, von dem was mit TeBe in einem Zehnjahres-Zeitraum passiert: Wie sähe dein optimaler Verein aus, von dem du sagen kannst: Da gehe ich gerne hin, damit kann ich mich auch wieder voll identifizieren, mich einbringen und hinter die Mannschaft stellen?
Dafür müsste gar nicht so viel passieren. Es würde ausreichen, wenn der aktuelle Vorstand nicht mehr Teil des Vereins ist. Das wäre ohnehin der Moment für uns alle, wo wir gezwungen wären wieder auf der Matte zu stehen und die Scherben aufzukehren. Da ist einerseits eine große Freude auf diesen Moment, wenn man zurückkehren kann. Zum anderen habe ich da auch so ein Stück weit Angst davor, weil es auch ein Riesenaufwand wird, den Verein erneut zu retten. Das wird nicht einfacher, wenn das zum dritten Mal innerhalb von zwanzig Jahren passieren muss. Es wird zum Beispiel nicht leichter gegenüber potenziellen Sponsoren zu argumentieren, warum dieses Mal alles besser laufen wird. Das letzte Mal ist neun Jahre her. Davon sind aktuell noch viele Leute ausgebrannt, die damals an ihre Kapazitätsgrenzen gegangen sind. Das wird nicht einfach.

Habt ihr euch schon mit dem Gedanken beschäftigt, nie mehr zu Tennis Borussia zurückzukehren?
Damit will ich mich nicht beschäftigen. Ich habe mir diese Gedanken auch noch gar nicht gemacht. Ich mache mir lediglich Gedanken darüber, wie lange die aktuellen Zustände andauern werden, in der Hoffnung, dass es nicht allzu lange sein wird.

Das heißt, ihr seid optimistisch, dass die Rückkehr irgendwann kommt?
Ich bin mir sicher, dass der Zeitpunkt kommen wird. Jens Redlich wird nicht ewig bleiben. Der kann da auch nicht zwanzig Jahre alleine Geld reinbuttern und wird dann irgendwann die Lust verlieren. Und in dem Moment werden immer noch TeBe-Fans übrig sein, die die Scherben aufkehren. Es ist halt nur die Frage, wieviel dann noch übrig ist an Struktur, an Fans und an Kraft, um das Ganze aufzufangen.

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