Viernheim – Waldstadion

Waldstadion Viernheim, TSV Amicitia Viernheim – KSC Schwetzingen 3:2 22.10.2020
🗓 91/2020
🏟 511
👨‍👩‍👧‍👦 90
⚽️ Kreisliga Mannheim (8.Liga)

PODCAST FUNKHAUS HABEDURST
in Viernheim – mit Mathias Ringhof

Es ist schon eine Wucht, dieses Waldstadion in Viernheim. Am Südzipfel von Hessen liegt es da, umgeben von hohen Tannen und man fragt sich unweigerlich: Wie kommt es, dass ein Kreisligist in einem so großen Stadion spielt? Die Kapazitätsangaben schwanken zwischen 4.000 und 7.000 Zuschauern. Um das beantworten zu können, ist Gotthilf hingefahren zur Amicitia. Und der Verein wirft noch weitere drängende Fragen auf, die unbedingter Klärung bedürfen.

Am Rande des Kreisligaspiels trifft Gotthilf einen “alten Recken” des Viernheimer Fußballs. Mathias Ringhof. Er und sein Familienunternehmen sponsern die Amicitia. Heute schnürt er also finanzielle Unterstützungspakete für den Verein, früher schnürte er die Fußballschuhe für Amicita Viernheim. Und zwar in einer Zeit, als die Südhessen noch in der 2. Liga Süd und der damals zweitklassigen Regionalliga Süd spielten. Mathias Ringhof ist auch heute noch ein drahtiger Mann und hat einiges aus seiner Fußballerkarriere zu erzählen. Neben seiner Spielerstation in Viernheim, war er unter anderem auch beim VfR Mannheim und Altona 93 aktiv. “Zur damaligen Zeit war ich richtig fit und wurde dann auch in die Junioren-Nationalmannschaft berufen. Da habe ich zum Beispiel mit Günter Netzer trainiert”, erinnert sich Ringhof. Als Co-Trainer ging er später an der Seite des legendären Klaus “Schlappi” Schlappner zu Darmstadt 98.

In den Nachkriegsjahren manifestierte die Amicitia ihre Zweitklassigkeit und etablierte sich in der 2. Liga Süd. Von 1957 bis zur Bundesliga-Gründung 1963 hießen Amicitias Gegner Darmstadt 98, Waldhof Mannheim, Bayern Hof oder Hessen Kassel. “Da war hier richtig was los in Viernheim. Die Ränge waren voller Zuschauer”, denkt Mathias Ringhof zurück an die Zeit.

Als dann die Bundesliga aus der Taufe gehoben wurde, ging es für die Amicitia darum, sich für die neugeschaffene, zweitklassige Regionalliga Süd zu qualifizieren. Das gelang den Südhessen mit einem überzeugenden siebten Platz, trotz einer stark besetzten Liga mit dem FSV Frankfurt, dem ESV Ingolstadt, Waldhof Mannheim und den Stuttgarter Kickers. Und so durften die Viernheimer in der folgenden Saison einen ganz besonderen Gegner im Waldstadion begrüßen.

Die Münchener Bayern fristeten damals nämlich noch ihr Dasein in der Regionalliga Süd und warteten auf ihren großen Durchbruch. Der Kader war aber schon damals gespickt mit blutjungen Spielern, die am Vorabend einer Weltkarriere standen. Zum Beispiel Torhüter Sepp Maier und auch ein gewisser Franz Beckenbauer. “Der hatte schon mit 17 Jahren so eine tolle Technik. Da hat man schon sehen können, dass das mal ein toller Fußballspieler wird. Dass es mal eine Weltkarriere wird, das hat man damals allerdings noch nicht geahnt”, erinnert sich Ringhof an sein Aufeinandertreffen mit dem FC Bayern um Franz Beckenbauer.

Das Duell mit den Bayern sollte allerdings einer der letzten Zweitliga-Höhepunkte von Amicitia Viernheim sein. Nach nur einer Saison in der Regionalliga Süd mussten die Südhessen in die 1. Amateurliga absteigen, als Tabellenletzter mit nur 22 Punkten aus 38 Spielen. Die Bayern hingegen wurden zwar Zweiter, scheiterten aber in der Aufstiegsrunde zur 1. Bundesliga an Borussia Neunkirchen. Ein Jahr später hat’s dann aber geklappt mit dem Weg ins deutsche Fußball-Oberhaus. Der Rest ist Geschichte, die andauert.

Für die Viernheimer Amicitia ging es zunächst hinab bis in die Bezirksliga, ehe sie es Ende der 80er und Mitte der 90er nochmal bis hoch in die Oberliga Baden-Württemberg schaffte. Bis 2017 erklommen die Südhessen immerhin nochmal die Verbandsliga Baden. Aktuell ist die Mannheimer Kreisliga die sportliche Heimat der Viernheimer. 2008 entstand der Verein in seiner heutigen Konstitution aus einer Fusion der Amicitia mit dem TSV Viernheim. Die Fußballgeschichte in der 34.000 Einwohner-Stadt gleicht also einer rasanten Achterbahnfahrt. “Als Sponsor würde ich die Amicitia gerne wieder in einer anderen Liga weiter oben sehen. Ein Aufstieg wäre schon schön. Aber ich bin auch so zufrieden”, sagt Mathias Ringhof.

Neben einer spannenden Historie bietet Amicitia Viernheim aber auch noch weitere, klärungsbedürftige Mysterien. Da wäre zum Beispiel das Logo. Via Facebook erreichte Gotthilf die Anfrage, warum im Vereinswappen eigentlich die sog. “Odalrune” zu sehen ist. Immerhin ist das eine Rune, die von diversen völkischen und neonazistischen Gruppen als Erkennungssymbol verwendet wird. Die Frage, warum der Verein dieses Symbol noch nicht aus seinem Wappen gestrichen hat, stellt sich zwar, kann aber genau so schnell wieder zu den Akten gelegt werden. Denn das Symbol, das der Odalrune zwar täuschend ähnlich sieht, ist in Wahrheit eine stilisierte, gotische Vier, die sich auch in Viernheims Stadtwappen wiederfindet. Vier und Viernheim – da ergibt sich eine offensichtliche Verbindung. Die stilisierte Zahl hat es aber erst nachträglich ins Wappen der Stadt geschafft, denn der Namensbestandteil “Viern” leitet sich nicht von der Zahl ab. Wissenschaftler gehen eher vom althochdeutschen firni, “alt, aus der Vorzeit”, oder dem keltischen vernos, “Erle” aus.

Und wo wir schon bei Namen sind: Der Lateiner wird sich auskennen und wissen, dass der Vereinsname “Amicitia” zu deutsch Freundschaft bedeutet. Als Vereinsname ist der Begriff allerdings eine absolute Seltenheit. Im DFB gibt es mit Amicitia Schleiden und Amicitia München nur zwei weitere Vereine, die auf diesen Namen hören.

Ein zweites Mysterium ist die Verbandszugehörigkeit der Amicitia. Zwar gehört die Stadt noch zu Hessen, tritt aber seit jeher im Badischen Fußballverband an. “Das wurde vor 60, 70 Jahren so festgelegt”, erzählte Amicitia-Vorstand Peter Hoffmann der hessenschau. Seitdem ist das einfach so. Wahrscheinlich ging es bei der Entscheidung pro Baden um kürzere Anfahrtswege, immerhin ist das badische Verbandsgebiet deutlich kleiner als das hessische und Viernheim verkehrstechnisch hervorragend an den Rhein-Neckar-Raum angebunden.

Gotthilf hat diese gute Anbindung genutzt und sich bereits zum zweiten Mal ein Spiel der “Veernemer” angeschaut. Das Stadion ist so schön, dass er auch noch ein drittes Mal käme, sollte es sich anbieten. Übrigens: In Viernheim besteht zwar auch die groundhopperweit gefürchtete Nebenplatzgefahr. Die ist hier aber nicht ganz so groß, da auch der Rasen-Nebenplatz einige Stehstufen an Ausbau zu bieten hat (siehe Bild unten). Auch kulinarisch ist Viernheim bestens aufgestellt. Im Stadion reicht man eine bissfeste und on point gewürzte Bratwurst. Dazu ein gut gekühltes Pils aus der Mannheimer Eichbaum-Brauerei. Bei Gothilfs Erstbesuch, einem Sonntagnachmittag, gab es sogar ein reichhaltiges Kuchenbuffet inklusive Kaffee. Das Waldstadion in Viernheim ist also in vielen Belangen eine echte Top-Adresse in Südhessen bzw. im Rhein Neckar-Raum. Da kann man es auch gerade noch so verschmerzen, dass es leider keine Eintrittskarten gab. Aber dann wär der Abend in Viernheim vielleicht schon zu gut geworden. Als kleine Anregung darf dieser Satz aber trotzdem gerne verstanden werden. 😉

Nebenplatz mit Stufen. Kann man auch mal machen.

Hier noch extrem wichtige Links:

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