Mühlhausen (Thür) – Stadion an der Aue

“Eisern Union!” Dieser Schlachtruf ertönt nicht nur an der alten Försterei in Berlin. Nein, er schallt – wenn auch etwas leiser – über die sanft-hügeligen Ausläufer von Harz und Thüringerwald. Dort, beim FC Union Mühlhausen, wurde zu DDR-Zeiten Fußballgeschichte geschrieben. Ein Besuch im Stadion an der Aue mit Interview. 

Locker und gemächlich schlendert Frank Gräfe nach Abpfiff die Treppen runter. Der 52-jährige ist Stadionsprecher beim FC Union Mühlhausen – das bedeutet: Er hat den höchsten Arbeitsplatz im Stadion. Denn um auf seinen Sprecherplatz zu kommen, muss es der wuchtige Mann mit lichtem Haupthaar mit 14 Stufen aufnehmen. Von dort oben macht Gräfe das, was er wohl in seiner Zeit als DJ gelernt hat: Entertainen. Mit einem hörbaren Lächeln auf den Lippen und lockeren Sprüchen gibt er dem weitläufigen Rund ein sympathisches, akustisches Gewand. Das Stadion an der Aue ist nicht nur deswegen eine angenehme Anlage, weil es vom Glanz vergangener Tage erzählt, sondern weil Menschen wie Frank Gräfe den Besuchern das Gefühl geben, dass man dort gern gesehen ist. Ein echter Typ, der mit dem Stadion in Mühlhausen schon so seine Geschichten erlebt hat. Darüber habe ich mit ihm gesprochen:   

Wenn Sie das Stadion an der Aue betreten, was sehen Sie dann?
Also das Stadion hat genau das Maß, nach dem auch das Ernst-Abbe-Sporteld in Jena gebaut worden ist. Nur dass die Tribünen dort steiler sind.

Jena klingt nach einem großem Vergleich…
Große Vergleiche gehören ja zu dem Stadion auch ein bisschen dazu. Highlight war mal ein Pokalspiel gegen Wismut Aue vor 5.400 Zuschauern. Damals hat Union in der DDR-Liga (zweithöchste Spielklasse) gespielt. Das war ein dramatischer Elfer-Krimi, am Ende war’s ein 10:11 – Aue hatte dann gewonnen. Das war das torreichste Spiel in der Geschichte des FDGB-Pokals. Also die Jungs aus Aue waren kurz vorm Abnippeln. Es kamen noch ein paar schöne Spiele gegen Jena und Erfurt dazu.

Mühlhausen gegen Aue: War das auch das Erlebnis, das Sie persönlich am meisten mit diesem Stadion verbinden?
Ja. Auf jeden Fall. Ich war damals noch Jugendlicher, das hat sich eingeprägt. Das war damals genau zur Zeit, als hier in Mühlhausen Stadtkirmes war. Die Stadt hat sowieso gefeiert, war schon fast komplett betrunken und in bester Stimmung. Und die Stadt hat nach so einem Erlebnis gegiert. Das war ein Wahnsinns-Erlebnis.

Was ist von dieser Geschichte und den glorreichen früheren Tagen heute noch über?
Wie meistens in den neuen Bundesländern: Nur noch sehr wenig. Von alten Namen und Titeln kannste dir nichts mehr kaufen. Heutzutage braucht man Sponsoren, man braucht Geld. Man braucht Gönner, man braucht Unterstützer. Ansonsten geht’s nicht. Ich will nicht sagen, dass ich so der Old-School-Typ. Aber man hatte damals ne Sache, das nannte sich K und S-Fonds (Kultur- und Sozialfonds, d. Red.). Da mussten Firmen je nach ihrer Größe einzahlen. Das Geld wurde dann an Sportvereine und andere Vereine ausgegeben. Und man hatte dieses Problem der Sponsorensuche einfach nicht. Ob wir sowas wieder haben müssen, weiß ich nicht. Aber man könnte mal wieder über ein Projekt in dieser Richtung nachdenken. Eben so, dass es den Vereinen mal wieder leichter gemacht wird.

Auch, wenn’s mit dem Geld knapp ist. Gibt es denn hier in Mühlhausen trotzdem so ne Sehnsucht, mal wieder Höheres zu erreichen?
Bei den Fans sicherlich. Aber man muss es abwägen: Kann man sich das finanziell leisten. Es macht keinen Sinn, sich weit aus dem Fenster zu lehnen und dann die 18 Jugendmannschaften zu opfern. Das wollen wir nicht. Das werden wir auch nicht tun. 

Nichtsdestotrotz: Thüringenliga ist doch bestimmt ein Ziel für die Zukunft, oder?
Auf jeden Fall. Das ist ganz sicher das Ziel. Ob danach dieser Sprung von der Thüringenliga in die Oberliga machbar ist, keine Ahnung. Für mich ist diese Oberliga unsinnig. Die kostet den Verein nur Geld und keiner hat was davon. Aber wie gesagt: Thüringenliga auf jeden Fall. Wir wollen zurück auf die thüringische Landkarte. Und vielleicht sehen wir Mühlhausen auch irgendwann mal in der Regionalliga, oder wir kommen im Pokal mal weiter. Am besten wir schmeißen mal nen Großen raus. Das wär schon ein Hammer. Ansonsten sind wir halt ein mittelständischer Verein, der sehr viel Wert auf Jugendarbeit legt. Highlight ist jedes Jahr das internationale E-Jugendturnier. Da kommen Leute aus den Niederlanden, Belgien, Polen, Tschechien. Das ist immer ein tolles Event. Wir selber haben 18 Jugendmannschaften und wenn wir es immer mal wieder schaffen, eines unserer Talente in unseren Seniorenbereich mit einzubinden, dann können wir schon ganz zufrieden sein.

Zum Abschluss: Welches sind die Top-3-Charakteristika des Stadions!
In der grünen Lunge von Mühlhausen, gute Stimmung und immer eisern!

 

Alle Fotos stammen von meinem lieben Freund Marcel Daslik, der mit mir vor Ort beim Spiel FC Union Mühlhausen gegen Großrudestedt (Endstand 4:0) war.

Groundblogging-Interview mit Frank Gräfe

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.